Ein ganz besonderes historisches Datum führte die Kolpingsfamilie Ellwangen am Dienstagabend zusammen: Auf den Tag genau 165 Jahre nach der ersten Generalversammlung des Vereins im Jahr 1861 in Schrezheim trafen sich über 20 Kolpingsgeschwister zu einem Jubiläumsessen im Nebenzimmer des Gasthauses „Kanne“. Der Ort war mit Bedacht gewählt, findet hier doch gewöhnlich die wöchentliche Chorprobe ihren geselligen Ausklang.
Vorsitzender Bruno Fuchs begrüßte die Runde am geschichtsträchtigen 11. August und rief den Grund des Zusammenkommens in Erinnerung: Die Feier von 165 Jahren gelebter Gemeinschaft. In seiner Tischrede schlug der Geistliche Leiter Alfons Wagner den Bogen von den historischen Wurzeln in die Gegenwart und ging dabei besonders auf den positiven Wandel und die gewachsene Rolle der Frauen ein. Hierbei wurde deutlich, wie sehr die im November 1971 gegründete Kolping-Frauengruppe das Gesicht des Vereins modernisiert hat. Seit über 50 Jahren bringen sich die Frauen aktiv und mit großem Herzblut in die Vorstandsarbeit und das Gemeinschaftsleben ein – sei es bei Besuchen in Altenheimen, bei Besinnungsandachten, der jahrelangen Gestaltung des Fronleichnamsaltars am Marienbrunnen oder durch ihren unermüdlichen Einsatz bei Veranstaltungen, womit sie das wahre, starke Rückgrat des Vereins bilden. Ein würdiges Element des Abends war das Totengedenken, das Diakon Siegfried Herrmann gestaltete: Er erinnerte an all jene treuen Seelen, die der Kolpingsfamilie durch die Jahrzehnte hindurch ein unverwechselbares Gesicht gegeben haben.
Drei über 90-Jährige berichten aus 75 Jahren Kolping-Treue
Im Mittelpunkt des Abends standen die Begegnungen und der Erfahrungsschatz der älteren Generation. Unter den Feiernden befanden sich drei über 90-jährige Mitglieder, die seit mittlerweile 75 Jahren aktiv das Vereinsleben mitprägen. In den Gesprächen und Anekdoten wurde deutlich, welchen Stellenwert die Kolpingsfamilie einst hatte: Das Angebot der Kolpingsfamilie war für die Jugendlichen damals die wichtigste Möglichkeit, von zu Hause wegzukommen, Sport zu treiben und Gleichgesinnte bei Heimabenden oder beim Fußball zu treffen. Die eigene Fußballabteilung bildete im Jahr 1956 sogar die Keimzelle für die Gründung der DJK Ellwangen.
Die Senioren ließen die ereignisreiche Nachkriegszeit Revue passieren. So erinnerte sich die Runde an die „Michaelsjugend“, die sich nach dem Krieg im „Elefantenstall“ in der Freigasse traf. Die Jungkolpinggruppe wiederum fand ihre erste Bleibe in einer ehemaligen Entlausungshütte in der Marienpflege – ein bemerkenswerter Kontrast zu heute, da die Proben des Kolpingchors im Festsaal ebenjener Marienpflege stattfinden.
Auch an die schwierige Zeit im Dritten Reich wurde gedacht. Unvergessen bleibt dabei der mutige Widerstand des Ellwanger Kunstmalers und treuen Kolpingbruders Max Reeb, der wegen seiner offenen Ablehnung des Regimes im unerbittlichen Kirchenkampf gegen den damaligen NS-Bürgermeister Adolf Kölle drangsaliert und 1940 im KZ Dachau ermordet wurde. Seinen bleibenden Werten fühlten sich die Mitglieder ebenso verbunden wie dem handfesten Zusammenhalt der damaligen Gemeinschaft: Damals gelang es engagierten Kolpingsbrüdern, die alte Vereinsfahne von 1863 erfolgreich vor den Nationalsozialisten zu verstecken, aus begründeter Furcht, das geliebte Banner könnte eingezogen werden.
Gesellschaftlicher Wandel und legendäre Geselligkeit
Beim Rückblick auf die 1960er- und 1970er-Jahre wurde der gesellschaftliche Strukturwandel greifbar: Damals war die Kolpingsfamilie noch stark von Handwerksmeistern, Vertretern der Kirche, Gemeinderäten, Beamten von Post, Polizei und Versorgungsbetrieben geprägt. Bis in die 1980er-Jahre hinein war es eine reine Männerwelt.
Unter dem augenzwinkernden Motto „Wo sind die Kolpings-brüder?“ wurde an die alten Zeiten im Gasthaus „Weißer Ochsen“ erinnert.
Die Männer von damals saßen nach den Chorproben oft bei Zigarettenrauch und Bier bis in den frühen Morgen zusammen. Auch das Bewusstsein war ein anderes: Der gemeinsame Gottesdienstbesuch am Sonntag war damals schlichtweg Allgemeingut und fester Bestandteil der Alltagskultur.
Mit Blick auf die Zukunft steht die Kolpingsfamilie heute nach dem jüngsten Wechsel an der Vereinsspitze zu Bruno Fuchs vor großen Herausforderungen durch den demographischen Wandel. Dennoch bleibt Adolph Kolpings zeitloser Leitsatz das Fundament: „Die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist.“ Der harmonische Abend endete traditionsgemäß mit dem gemeinsam gesungenen Kolpinglied: „S’war einst ein braver Junggesell…“