Rund 350 Kolpinggeschwister aus 13 Ländern sind nach Bad Waldsee zur 57. Internationalen Kolpingfriedenswanderung vom 14.-17. Mai 2026 gereist. Schon allein das ist beeindruckend. Bei der Ankunft ein großes Hallo zwischen vielen Anreisenden, Wiedersehensfreude und immer wieder die neugierige Frage: „Das wievielte Mal bist du jetzt dabei?“ Neulinge wie ich sind sofort integriert, denn Kolpinggeschwister sind wie eine große Familie. Ich hatte das Gefühl, bei einem großen Familientreffen zu sein. Fasziniert und berührt haben mich – als „Ersttäterin“ und in offizieller Mission als Geistliche Leiterin des Diözesanverbandes Rottenburg-Stuttgart unterwegs – die Geschichten und Themen, die die Teilnehmenden bewegen.
Eine Gruppe von Kolpingjugendlichen aus dem Aachtal ist dabei. Sie tragen zwei Wandertage lang das offizielle Friedenswanderungsbanner und ein kleines Banner mit bunten Handabdrücken und dem Slogan „Frieden entsteht im Herzen“ voraus. Wie recht sie doch haben: Frieden entsteht im Herzen – wenn Menschen die Einsicht haben, dass es besser ist, die Güter der Welt miteinander zu teilen und auf dem Erdkreis füreinander Sorge zu tragen und einzustehen. Die Begleiterinnen der Gruppe sagen, wie wichtig es für sie sei, dabei zu sein, damit die Jungen die nächste Generation von Teilnehmenden werden. Für diese kleine Gruppe ist es ein tägliches kleines Highlight, in einer Bäckerei nahe ihrer Unterkunft zu frühstücken.
Die Teilnehmenden aus der Ukraine sind für den Frieden in ihrem Land unterwegs. Sie sind anders dabei als diejenigen, die in ihren Ländern in Frieden leben können. Die Solidarität und Anteilnahme, die ihnen entgegengebracht wird, ist groß. Sie gewinnt konkrete Gestalt in der Kollekte des Gottesdienstes, die für Hilfsprojekte von Kolping Ukraine Verwendung findet. Schier unglaublich, wie schnell 5.000 € zusammenkommen, um zu helfen. Das ist eine Form des Friedensdienstes. Viele erzählen von den Projekten, die sie an ihren Orten für die Ukraine gestartet haben, einige berichten, dass sie selbst einen Transport in die Ukraine begleitet haben. Und immer wieder ist von Vasyl, dem Chef von Kolping Ukraine, die Rede. So viele sind ihm verbunden. Mich berührt das sehr.
Eine Kroatin erzählt mir mit den wenigen deutschen und englischen Worten, die sie kennt, was sie bewegt. Sie erinnert sich noch gut an den Kroatienkrieg in den 1990ern. Sie war damals eine junge Frau. Es hat sich tief in ihr Herz gebrannt, was sie erlebt hat. Deswegen ist sie bei der Friedenswanderung dabei, weil Krieg niemals eine Lösung von Auseinandersetzungen und Konflikten sein kann. Ich selbst war in den 1990ern mit vielen Kroatinnen als Fortbildnerin in Kontakt und konnte vor diesem Hintergrund ein wenig mehr nachfühlen, was sie erlebt hatte.
Eine Kolpingschwester aus Luxemburg hat die 52. Friedenswanderung in Luxemburg in lebendiger Erinnerung. Sie berichtet, wie viele andere Teilnehmende von der guten Atmosphäre unter Kolpingmenschen, von der Nähe, die ganz schnell zueinander entsteht und wie sehr doch der gemeinsame Friedensgedanke bewegt und verbindet.
Beeindruckt bin ich vom ältesten Teilnehmer. Er ist um die 90 Lebensjahre alt – ein Urgestein der Friedenswanderung – er läuft mit, so gut es noch geht, fährt einige Teilstrecken im Begleitbussle mit und ist mit seinem reichen Schatz an Lebens- und Friedenswanderungserfahrungen ein Magnet für all diejenigen, die genau spüren, wie wichtig unsere alten Kolpinggeschwister als Zeuginnen und Zeugen für Friedenshandeln sind, denn sie kennen viele Unruhen auf der Welt durch die vielen Lebensjahrzehnte nur zu gut. Und sie sind unsere Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger, wenn uns die Puste der Hoffnung einmal ausgehen könnte – wofür es keine Anzeichen gab. Vielmehr waren die Teilnehmenden getragen von diesem „allem zum Trotz“, wir halten an unseren Zukunftsglauben fest, dass erlösende Perspektiven für all die Krisengebiete sich anbahnen lassen, die so gebeutelt sind von Gewalt, Ungerechtigkeit und Krieg.
Eine Teilnehmerin erzählt mir von den Umbrüchen in ihrem Leben, von ihrer schweren Erkrankung, die sie überstanden hat. Nur noch ein Wunder könne helfen, hatten ihr die Ärzte gesagt. Ich spüre wie sehr sie innerlich noch erschüttert ist, wenn sie erzählt. Die Erfahrung der Krankheit sitzt noch tief. Sie spürt noch immer die Anspannung und Ungewissheit, in der sie gelebt hatte. Sie trauert, dass einige Bekannte ihre Krankheit nicht mit ihr aushalten konnten. Doch sie erzählt auch von Freundschaften, die neu entstanden sind. Jetzt läuft sie für den Frieden und erlebt so viel Gemeinschaft und Vertrauen der Teilnehmenden auf Gott. Das stärke sie sehr, meint sie.
Ein Schweizer erzählt, dass gerade sein Ruhestand begonnen hat. Sein Sohn würde in wenigen Tagen heiraten. Auf dieses Fest freut er sich sehr. Er erzählt, wie sich in seinem Leben seine berufliche Ausrichtung immer wieder einmal verändert hat und er das so wollte, weil ihm seine Familie so wichtig war. Er wollte seine Kinder aufwachsen sehen und achtete deshalb auf die Balance zwischen Beruf und Familie. Dann bestreicht er weiter sein Stück Hefezopf mit Butter und Marmelade und lächelt mich glücklich an.
Einen Tag lang ist Kolpingbruder Johannes Warth mit uns gewandert. Mit viel Wortwitz gab der Schauspieler uns seine Ermutigungen mit, z.B.: Wer bei den guten Dingen nicht gleich mitmacht, muss sich nicht wundern, wenn er tun muss, was übrigbleibt. Oder: Wer andere ermutigt wird selbst ermutigt. Seine Wortspiele setzen sofort neue Erkenntnisse frei oder bestätigen wohltuende andere.
Eine andere Teilnehmerin genießt die Moorlandschaft durchs Ried, sie strahlt beim leichten Aufstieg zur Grabener Höhe und spürt in der Natur so viel an Kraft für ihren Weg und für uns alle auf dem Weg zu einer friedvolleren Welt. Sie beschäftigen die Gedanken des Mottoliedes der Friedenswanderung 2026 sehr: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir …“ (Gotteslob 846/Eigenteil Diözese Rottenburg-Stuttgart). Sie spürt ihre Sehnsucht immer wieder auch körperlich, indem sie sich einmal am liebsten in sich hineinversenken möchte und ein andermal voller Energie ausbrechen.
Adolph Kolpings Friedensaktivisten sind Herzensmenschen – das ist klar. Adolph Kolpings Friedensaktivisten gehen respektvoll und friedvoll miteinander um; sie achten aufeinander. Je nachdem, aus welchem Land sie angereist sind, tragen sie schwere Erfahrungen im Gepäck. Und sie spüren, dass ihr Gepäck auf dem Weg leichter wird. Eine Großgruppe von 350 Friedenswandern, die aufeinander achten und einander vertrauen, was kann es Schöneres geben. Das gemeinsame Vertrauen auf den lebendigen Gott verbindet alle und schenkt allen einen unbändigen Mut. Die Atmosphäre bei der Friedenswanderung ist unbeschreiblich herzlich und füreinander aufgeschlossen – egal ob wir laufend unterwegs sind, uns bei Gottesdienst und Gebet versammeln, in der Essensschlange stehen oder am letzten Abend ausgelassen tanzen.
Wenn Adolph Kolpings Friedensaktivisten unterwegs sind, dann entsteht eine Atmosphäre des Friedens, der Freiheit und der Hoffnung. Die Sehnsucht bekommt ein Zuhause und einen Ort, an dem sie in vollen Zügen gelebt werden kann. Ich bin unendlich dankbar für die Erfahrungen, die ich bei der Friedenswanderung rund um Bad Waldsee gemacht habe. Ich bewege sie in meinem Herzen immer noch hin und her.
Nächstes Jahr in Litauen, so haben sich viele verabschiedet. Auch ich habe bereits die Sehnsucht wieder dabei zu sein.
Claudia Hofrichter