Auf den Spuren jüdischer Geschichte: Ein Nachmittag der Begegnung und des Gedenkens

Ein berührender Dank: Ein kleiner Teil des Chors der Kolpingsfamilie Ellwangen unter Leitung von Ria Bullinger singt nach der Führung in der ehemaligen Synagoge Oberdorf. Bild: Erich Bitterer

Die Kolpingsfamilie Ellwangen besuchte die ehemalige Synagoge in Oberdorf und erlebte lebendige Ökumene und Toleranz.

 

Es war ein Ausflug, der tiefe Eindrücke hinterließ und gleichzeitig ein starkes Zeichen für das Miteinander der Religionen setzte: Die Seniorenherbstausfahrt der Kolpingsfamilie Ellwangen führte 30 Mitglieder zur ehemaligen Synagoge nach Oberdorf. Das eindrucksvolle Gebäude ist die einzige erhaltene Synagoge im gesamten Ostalbkreis und dient heute als Gedenk- und Begegnungsstätte sowie als Museum zur jüdisch-deutschen Vergangenheit unserer Region.

Historisches Erbe und klare Worte
Alfons Wagner aus dem Vorstandsteam der Kolpingsfamilie bedankte sich zu Beginn herzlich für den Empfang. In seinen Worten schlug er die Brücke vom Vereinsgründer zur Gegenwart: Adolph Kolping habe seinen Mitgliedern stets ans Herz gelegt, die Nöte der Zeit zu erkennen und danach zu handeln. Deshalb richte die Kolpingsfamilie im Jahresprogramm bewusst den Blick in die Geschichte. Wagner betonte, dass Kolping selbst in seinen Schriften konsequent darauf verzichtete, Vorurteile gegen Juden zu schüren. Dieses Gedenken berührte die Anwesenden tief – auch, weil die Ellwanger Gemeinschaft im Dritten Reich von den Nationalsozialisten bedrängt und ihr Kolpingsohn Max Reeb im KZ Dachau ermordet wurde. Ebenso gehört der Hessentaler Todesmarsch bis heute untrennbar zum kollektiven Gedächtnis der Heimatstadt.

Blütezeit und die Schrecken der NS-Diktatur
Frau Walter vom Trägerverein der Synagoge – ehemalige Lehrerin an der Realschule Bopfingen – gab den Besuchern tiefgreifende Einblicke in die Regionalgeschichte. Sie verdeutlichte, wie fest die jüdische Gemeinde über Jahrhunderte in Oberdorf integriert war und zeitweise die Hälfte der Dorfbevölkerung ausmachte. Viele der jüdischen Einwohner waren als Viehhändler tätig und lebten in gutem Miteinander mit den christlichen Nachbarn.

Erschütternd waren die Berichte über das systematische Unrecht ab 1933: Im Zuge der NS-Diktatur wurden jüdische Menschen aus Stuttgart nach Oberdorf zwangsumgesiedelt und auf engstem Raum in vier „Judenhäusern“ untergebracht. In den Jahren 1941 und 1942 folgten vier Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten. Keiner der verschleppten Menschen überlebte diesen Terror.

Ein gelebtes Zeichen der Toleranz
Wie lebendig und versöhnlich Geschichte weitergeschrieben werden kann, zeigte sich beim anschließenden Ausklang. Die katholische Kolpingsfamilie besuchte die jüdische Synagoge, die nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend sogar als katholische Kirche genutzt worden war. Zum anschließenden Kaffeetrinken öffnete das benachbarte evangelische Gemeindehaus seine Türen. Das wohl schönste Zeichen von Toleranz und gegenseitiger Achtung setzte die Gegenwart: Junge Muslime, die derzeit im ehemaligen evangelischen Pfarrhaus eine Heimat gefunden haben, halfen ganz selbstverständlich und tatkräftig beim Aufstellen der Tische für die Ellwanger Gäste.

Zum Abschluss bedankte sich ein kleiner Teil des begleitenden Kolpingchors unter der Leitung von Ria Bullinger bei Frau Walter für die bewegende Führung und die tolle Organisation. Mit den Liedbeiträgen „Frieden“ und einem feierlichen Segenslied klang ein Nachmittag aus, der zeigte, wie Glaube und Menschlichkeit Brücken über alle Grenzen hinweg bauen können. Der Ausflug fand seinen gemütlichen Abschluss bei einem Vesper im Gasthaus „Kreuz“ in Zipplingen