Bei der Reichstagsverhüllung vor nun über 30 Jahren wurde die Redewendung „Verhülltes sieht man besser“ geprägt. Diese Erfahrung sollte im Kleinen möglich werden. Der Rathausgarten ist dazu ein wunderbarer Ort, weil er viel Freiraum lässt, ihn zu beleben mit Menschen und Aktionen.
Jede und jeder brachte einen oder mehrere Gegenstände mit, um sie mit Leintüchern und Schnüren zu verhüllen und neu zu sehen und zu entdecken. Die Kunst liegt in der Kreativität des Faltens und Schnürens. So ist eine wunderschöne Tischgruppe entstanden. Auf dem Sofa sitzen sogar aus Leintüchern gefaltete Figuren. Eine großartige Idee. Da möchte man sich am liebsten dazu setzen. Das verhüllte Fahrrad ist ebenfalls ein Hingucker. Die Räder, der Sattel, der Lenker und der Gepäckträger kommen ganz neu zur Geltung. Die verhüllten Blumentöpfe sind fantastisch geworden. Einer sogar mit Spinnennetz. Dann der Bilderrahmen im Baum – eine geniale Idee. Die zwei Waldliegen, die immer da sind, kommen nochmal ganz neu zur Geltung. Bei den verhüllten Kinderspielsachen muss man genau hinschauen, was sich unter den Tüchern verbirgt. Auch die Bäume und Sträucher sind eine Augenweide. Die Baumrinde erscheint in neuem Licht und ist durch die gewickelten Stoffbahnen dazwischen viel deutlicher zu sehen. Was man aus einem Gartenzaun machen kann, ist wirklich attraktiv. Auch das Rathaus fällt durch die kunstvoll verhüllten Geländer gleich ins Auge.
„Verhülltes sieht man besser“ – wir sind überzeugt, dass unsere Kunstaktion viele zum Anschauen locken wird. Während der Aktion gab es schon einige Zaungäste und Autos fuhren langsamer. Radfahrende hielten an.
Besser sehen bedeutet ja, dass man achtsamer hinschaut auf das, was entstanden ist. Neue Sinneseindrücke entstehen durch die Art, wie die Stoffe gelegt und verschnürt sind. Besser sehen ist wie eine ungewöhnliche Brille aufsetzen und den Gegenstand mit neuen Augen sehen. Das war ein wenig das Anliegen unserer Kunstaktion, neu zu sehen – die verhüllten Dinge und auch bei den wichtigen Themen des Lebens und der Gesellschaft auf neue Facetten aufmerksam zu werden.
Damit befinden wir uns in einer guten christlichen Tradition, die das Verhüllen von Kreuzen und anderen Gegenständen kennt – eine Art „Fasten der Augen“ – um die Botschaft des Evangeliums neu zu entdecken. Das Verborgene bekommt einen neuen Reiz.
Die Ausstellung ist bis zum 28. März 2026 zu sehen.
Claudia Hofrichter