In seinem Roman „Fünf, sechs, sieben, acht“ schreibt Ewald Arenz auf den ersten Seiten: „Wenn man sich um die Erinnerungen nicht kümmerte, dann häuften sie sich einfach in irgendeiner Ecke an, wurden grau und ließen sich nicht mehr voneinander unterscheiden (S. 15).“
Das dritte Quartal des Jahres beginnt gerade. Mit dem September verabschieden wir uns vom Sommer und treten ein in die sich nun langsam zeigenden Farben des Herbstes. Die Tage werden spürbar kürzer. Etwas Melancholie liegt in der Luft. Der September gilt traditionell als Erntemonat – auch wenn der Klimawandel vieles verschoben hat. Da lohnt es sich, die persönliche Ernte der ersten acht Monate des Jahres oder einer längeren Lebensspanne noch einmal wahrzunehmen.
Ernten heißt, Erinnerungen pflegen, spüren, wie sie sich ins Leben fügen. Ernten heißt, noch einmal genau hinschauen, damit nichts ergraut und die Besonderheit unsichtbar wird. Darauf macht uns Ewald Arenz mit seiner Erfahrung aufmerksam.
Welche wichtigen Erinnerungen möchtet Ihr bewahren und konservieren, weil sie euch beflügelt haben, weil sie Euch eine Einsicht geschenkt haben, weil sie Euch aus der Verzweiflung zu einer neuen Tiefe geführt haben?
Einige von Euch werden aus dem persönlichen Herbst des Lebens Erinnerungen wachrufen, andere aus der Mitte des Lebens heraus oder aus der begonnenen Familienphase. Eine persönliche Erfahrung möchte ich gerne teilen. Die ersten acht Monate meines Ruhestandes liegen zurück. Für die ersten 365 Tage habe ich mir vorgenommen, jeden Tag genau aufzuschreiben, was ich jeden Tag tue, um am Abend die Begegnung, die Aufgabe, die Erfahrung, die für mich am wichtigsten war, mit einem roten Stift zu umkreisen. Da gibt es kein Ergrauen, sondern vieles bleibt lebendig, schenkt frische Energie oder eröffnet auch mal Fragen wie etwas in den größeren Kontext meines Lebens passt. So spüre ich Lebensqualität.
Auch für unsere Kolpingsfamilien lohnt sich ein solcher Erinnerungs-Ernte-Blick. Was ist gewachsen in den vielen Jahren unserer Gemeinschaft? Was haben wir der Brache überlassen? Was haben wir neu gesät, um dann zur Zeit der Reife die Ernte einzubringen? Unsere Früchte sind Ergebnis unseres Tuns und zugleich von Gott geschenkte Gabe.
Claudia Hofrichter, Geistliche Leiterin im Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart